Foto: Museum im Lagerhaus
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Museum im Lagerhaus - Stiftung für schweizerische Naive Kunst und Art Brut

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Davidstrasse 44
9000 St. Gallen
Tel.: 071 223 58 57
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Öffnungszeiten:

whr. Ausstellungen
Di-Fr 14.00-18.00 Uhr
Sa,So 12.00-17.00 Uhr

Die von Gurs – Kunst aus dem Internierungslager der Sammlung Elsbeth Kasser

26.01.2016 - 10.04.2016

‹Ceux de Gurs›/‹Die von Gurs› ist eine Zeichnung von Max Lingner überschrieben. Aus Materialmangel hat er die Darstellung einer Mutter mit Kind auf Zeitungspapier gesetzt. Entstanden ist die Zeichnung im berüchtigten Internierungslager Gurs in Südfrankreich, wo Lingner, deutscher Maler, Zeichner für die kommunistische Tageszeitung l’Humanité in Paris und Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime, von 1939–1940 interniert war. Bewahrt hat sich die Zeichnung in der eindrücklichen Sammlung künstlerischer Dokumente aus Gurs der Schweizer Rotkreuz-Schwester Elsbeth Kasser (1910–1992). Nachdem sie 1936 im Spanischen Bürgerkrieg ihren ersten Einsatz geleistet hatte, war Elsbeth Kasser von 1940–1943 im Internierungslager Gurs tätig. Freiwillig. Gegen den Willen der Lagerleitung baute sie auf eigene Initiative ein Hilfsprojekt auf, organisierte weitere Nahrungsmittel und bemühte sich um eine – soweit möglich – menschenwürdige Atmosphäre im Lager.
Kunst trotz(t) allem. Viele KünstlerInnen und Intellektuelle waren in Gurs interniert und es scheint heute unvorstellbar, dass im Lager ein reges kulturelles Leben herrschte. ‹Soirées› wurden veranstaltet mit Diskussionen, Lesungen, Theateraufführungen, Tanz, Gesang und Konzerten. Selbst gestaltete Einladungen zu den Kulturveranstaltungen in der Sammlung Kasser zeugen davon. Die Zeichnungen und Aquarelle der Künstler aus Gurs geben Einblicke in das Lagerleben, sie beschreiben die Not, die Qual des Eingesperrtseins mit der Angst vor einer Deportation nach Auschwitz, sie sprechen von Kälte, Hunger und Tod. Sie zeigen aber auch Hilfsaktionen und improvisierten Unterricht der Kinder in den Baracken. Satiredarstellungen greifen deutsche Volkslieder auf, kombiniert mit Bildern der Deportation, und gar zynisch mutet ein kleiner ‹Reiseführer› durch das Lager an. Neben vielen unsignierten Blättern umfasst die Sammlung Kasser Werke von W. Rilik Audrieux, Edith Auerbach, Dr. Bachrach (gen. Kuba), Berkfeld, Trudl Besag, Kurt Löw und Carl Bodek, die ihre Arbeiten zusammen signierten, Karl Borg, Leo Breuer, Kurt Franz, Erwin Götzl, Max Lingner, Horst Rosenthal, Kuno Schiemann, Max Sternbach, J. Strauss und Julius C. Turner sowie Kinderzeichnungen.
Elsbeth Kasser erkannte die Wichtigkeit des künstlerischen Schaffens in der existentiell schwierigen Situation als Überlebensnotwendigkeit. Aus Dankbarkeit bekam sie viele Zeichnungen und Aquarelle geschenkt, einige kaufte sie mit ihrem wenigen Geld den Künstlern ab. Um sie in Sicherheit zu bringen, wurden sie in die Schweiz geschmuggelt und werden heute von der Elsbeth Kasser-Stiftung betreut, im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich aufbewahrt. Es handelt sich um insgesamt 172 Grafiken sowie einige selbstgefertigte Gegenstände, die zwischen 1939 und 1943 vorwiegend in Gurs entstanden sind und von denen eine Auswahl zu sehen ist. Ein in die Sammlung Kasser integriertes Konvolut aus der Sammlung Elsbeth Kasser schliesst des Weiteren Werke aus anderen Internierungslagern in Südfrankreich ein.

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