© andreas130 / www.fotolia.de
KULTURpur - Wissen, wo was läuft!

Kunstverein Weiden


Ledererstr. 6
92637 Weiden
Tel.: 0961 46 308
Homepage

Öffnungszeiten:

So 14.00-18.00 Uhr

Seestücke

15.06.2012 - 08.07.2012
Das "Seestück", auch Marinemalerei, grenzt sich von der maritimen Landschaftsmalerei durch das Vorhandensein von Booten ab und reflektiert das Urbarmachen der Natur durch den Menschen in höchst unwegsamem, weil flüssigem Gelände. Die kunsthistorische Kernzeit dieses Genres liegt im Barock. Gleichwohl diese und ihre Nachkömmlinge Vergangenheit sind, handelt es sich um ein zeitloses Thema. Der Seefahrerwelt entstammen bis heute unverbrauchte Metaphern. Ja mehr noch! Im Kontext der ökologischen Krise sind Äußerungen wie die, dass einem das Wasser bis zum Hals steht, dass die Deiche und Dämme brechen, dass das Lebensschiff schaukelt, keineswegs nur geflügelte Worte. Inhalte, deren Ursprungssinn in der Historie versunken zu sein schienen, gehören wieder zu Sachstandsberichten und Bildreportagen und sind von eindeutiger Konkretheit und brennender Aktualität. Der Untergang der Bohrinsel "Deepwater Horizon" nach einer Explosion am 22. April 2010 im Golf von Mexiko wäre in diesem Zusammenhang ein Seestück heutiger Art.

Doch es sind nicht die zeitgeschichtlichen Linien, die diese Ausstellung fokussiert. Die Zugänge zum angesagten Themen-Kreis, in dem sich alle Visionen einer dauerhaft bezähmbaren Natur von vorneherein verabschiedet haben, sind zahlreich. Sie berühren alle menschlichen Gefühle und die Formen von deren Bewältigung auf grundlegende Art. Es scheint so, als wäre das im Menschen wirksame limbische System ein Stück des Außen-Ozeans, der über magische Kanäle mit unserem Inneren kommuniziert.

Unsere Ausstellung steuert aus bewusst weit auseinander liegenden inhaltlichen und formalen Positionen in die offene See der Emotion und ihrer kulturgeschichtlichen Kultivierungs + Bewältigungs-Kontexte hinaus:

passage2011, das Projekt des Künstler-Duos GÆG verfügt über die hier gefragte mentale Seetüchtigkeit. Die Münchener Künstler Thomas Huber und Wolfgang Aichner (www.passage2011.org) bauten ein rotes Fieberglasboot und beförderten es mit best-gesponserten Mitteln moderner Bergsteigertechnik und im mythologischen Sisyphos-Gestus über den Hauptkamm der Zillertaler Alpen. Film, Fotos und ein Journal halten Geschehen und Akteure fest: das Boots-Schema als Archetyp aus Spielzeug-Form und Signalfarbe, die Berge in ihrer Unnahbarkeit und die Körper der Künstler im Auf und Ab extremer Gefühls-Zustände. Warum nicht bei dieser Reise, die im Mai 2011 von der Münchner St. Lukaskirche aus zur Biennale in der Lagunenstadt Venedig führte, an Hannibals Alpen-Überquerung denken? Der Krieg um die ökonomische Vorherrschaft im Mittelmeerraum des 3. Jahrhunderts v. Chr. erlaubt Analogien zum heutigen Kunstmarkt, und lädt ein, über globale Markenzeichen und regionale Authentizität zu reflektieren. Drei Wochen zermürbender alpiner Aktivitäten, dann triumphale Ankunft am Canale Grande, rechtzeitig zur Biennale, dem bedeutendsten Welt-Kunst-Event, und... das rote Boot geht unter.

Der gebürtige Ulmer Knud Plambeck ist beruflich und örtlich herumgekommen, bevor er die Galerie Wasserspiegel in Hamburg eröffnete war er Tischler und Industrie-Designer (www.wasser-spiegel.com). Die Liebe zum Boot treibt ihn seit seiner Kindheit um. Der besondere Reiz seiner Flotte aus geschweißten und bemalten Alt-Metall-Stücken, die jetzt vom Stapel läuft, ist ihr innerer Gegensatz: Da ist zum einen die eigenständige Schwere ebenso wie die Roheit und Bruchstückhaftigkeit des Materials, die den realen Ozean-Riesen als ihre Herkunftsstätte reklamieren, und da sind zum anderen die Schiffs-Fantasien, die sich an ihnen ausleben und mit der relativen Kleinheit der Objekte an die berühmten Buddelschiffe erinnern: wie ist ihr Verhältnis zu einander? Wie Zelle zu Organismus? Wie Körper zu Seele? Kurz vor dem Stapellauf, ihre Seetüchtigkeit wird sich erweisen.

Die Malerei der Dortmunder Künstlerin Julia Steinberg, Meisterschülerin bei Prof. Norbert Tadeusz/Düsseldorf, verbindet die strenge, mathematisch-architektonische Linie des Konstruktivismus mit einem Hang zum spielerisch Ornamentalen und der Heiterkeit des Impressionismus (www.julia-steinberg.de). Die Themenkreise der Künstlerin sind zahlreich; Architektur, Interieurs, Landschaften, Binnen-Wasser-Idyllen mit ruhendem Boots-Betrieb. Sonnentag und Sonntag, die Arbeit pausiert, Waffen-stillstand, den die Ästhetik vermittelt, die Welt umfängt uns als reine Erscheinung, der Wille ruht. Die äußere, reale Welt der Zwecke, Mittel und Bewegungen liegt still, auf ihre Silhouetten reduziert, vor uns, wir nehmen Farb-Form-Synthesen wahr, die in ihrem ursprünglichen Sinn als Fortbewegungsmittel kaum noch lesbar sind, sie treten als Äquivalente des menschlichen Seelenlebens in Erscheinung, in seinem Wesen liegt es, über die Ufer zu treten und sich auf Wegen jenseits von Logik und Kausalität zu bewegen.

Hannsjörg Voth, den die jüngere Kunstgeschichte unter Konzeptkunst und Land Art führt, organisierte 1978 eine Großaktion in der Form eines archaischen Begräbnis- und Abschieds-Rituals (www.hannsjoerg-voth.de). Auf einem Floß wurde eine 20 m lange Mumien-Figur mit sieben Zentner schwerer Blei-Maske den Rhein hinab und in die Nordsee hinaus befördert. 20 Meter, das entspricht rund elf durchschnittlichen menschlichen Körperlängen. Wir erleben menschlich Riesiges und erleben in der Fotodokumentation von Ingrid Amslinger, wie es bis zur Auflösung klein wird, gegenüber dem Meer, dem Welt-Gedächtnis, aus dem alles kommt und das alles zurückholen wird. Die Reise auf der alten Wasserstraße, die schon die Nibelungen nahmen, geht von Speyer über Rotterdam und ist bis zur Feuerbestattung der Figur auf hoher See auch eine Zeitreise. Sie führt quer durch die Geschichte und bringt das Vorgeschichtliche mit der technisch-industriellen Moderne des Rheinlands in Kontakt. Es wurde an mehreren Städten angehalten und das Objekt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Kulturgeschichtliche Permutation, Rückkehr des Geheimnisvollen. Kunst fungierte hierbei als Distanz- und Annäherungs-Mittel gegenüber den vergessenen Quellen, aus denen alte Kulturen schöpften. Sie bringt uns Welt-Bilder näher, denen der hohe heutige Existenz-Wert, den das Individuum genießt, fremd war. An dessen Stelle wurde das Wirken der Natur-Kräfte als Ausdruck eines Geheimnisvollen wahrgenommen, ohne das allerdings auch dem heutigen Wertesystem, den Werten der Aufklärung, das tragende Fundament fehlt. Die "Reise ins Meer" lässt sich in diesem Zusammenhang als bildnerischer Essay über das "Ankommen in der Rückkehr" lesen, als Versuch eines Rituals, das zwischen den Sinnzeichen einer zerdachten, atomisierten und richtungslosen Welt "Land in Sicht" ruft.

Mythisches auch bei Alžbeta Diringerová, im kleinen Maßstab, mit großer Eindringlichkeit. In einer Fotoseqenz, "The Kestrel", wird einem toten Turmfalken die letzte Ehre erwiesen (foto.amu.cz/alžbeta-diringerová-25). Die Studentin an der FAMU/Prag setzt das leblose, prächtige Tier in einer Styroporschale ins fließende Wasser, die Elemente ordnen sich im Bild neu und bringen ein Ur-Bild unserer abendländischen Kultur zur Erscheinung, das Utensil der Fast-Food-Gastronomie und Ex&Hop-Symbol einer kulturlosen Wegwerf-Gesellschaft wird zum Kahn auf dem Strom der Unterwelt und des Vergessens.

Walter Ammann, Wolfgang Schikora und Ulrich Zierold, die in den 60er Jahren an der Akademie der Bildenden Künste München studierten, einem der Zentren deutscher Studenten-Unruhe, gründeten 1977 in der Münchener Baumstraße das King Kong Kunstkabinett (www.kingkongkunstkabinett.de). Hier setzten die drei Forscher-Künstler und Enkel im Geiste von George Grosz bildnerisch ihre Erfahrungen um, die sie während der Jahre auf dem Marsch durch die Institutionen erworben hatten. Sie ließen einen schöpferischen Kommentar des Weltgeschehens in Malerei, Graphik und Film beginnen, der auch heute noch in alter Frische zubeißt. Jedes Werk ist dabei ein Gemeinschafts-Produkt, das unter einem Titel drei Signaturen vereint, das Atelier eine Insel im Meer der entfremdeten Arbeit. "Miralago", das jüngste computer-generierte Werk, eine köstlich chaotische Collage in bewegten Bildern, kann man als Robinsonade zu Dritt bezeichnen, die den Schiffbruch des Systems mit so viel spielerischem Witz und hintersinniger Ästhetik zeigt, dass man gar nicht an Aufhören und Rettung denken mag.

KULTURpur empfehlen