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Historisches Museum Hannover


Pferdestraße 6
30159 Hannover
Tel.: 0511 168 430 52
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Öffnungszeiten:

Di 10.00-19.00 Uhr
Mi-Fr 10.00-17.00 Uhr
Sa, So 10.00-18.00 Uhr

Stadtbilder. Hannovers Moderne 1900 / 1939

21.09.2011 - 26.02.2012
"Hannover habe ich zweimal gesehen, einmal vor dem Kriege, etwa 1908, und nun 1930. Von dem ersten Besuch bewahrte ich den nachhaltigen Eindruck einer vornehm-stillen, in sich gesammelten Stadt. Nicht wie in den anderen deutschen Residenzen bestand ein Missverhältnis zwischen den überdimensionalen Gebäuden des Hofs Â… und der Zweckstadt, sondern die bürgerlichen, die geschäftlichen Häuser gliederten sich hier selbstgewiss und selbstverständlich den staatlichen Bauten an, die ihrerseits trotz aller Größe nicht unbescheiden wirkten. Das tat wohl: hier war Gleichmaß, kein Mehrsein-Wollen, keine Überheblichkeit; wenige deutsche Städte erschienen mir so gleichgewichtig zwischen Großstadt und Kleinstadt, Residenz und Industriezentrum, zwischen alt und neu, so durchaus harmonisch. Diesmal, 1930, überraschte mich die Vitalität, die hinzugekommen ist, der vehementere Rhythmus von Licht, Verkehr und die ganz hervorragenden Leistungen der Architektur, die sich vorteilhaft den alten Formen angliedern." Als Stefan Zweig Hannover 1930 als eine "Stadt der Mitte" pries, gab er zugleich sein Erstaunen über die jüngsten Modernisierungen zum Ausdruck. In der Tat erlebte Hannover in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einen sinnfälligen Wandel des Stadtbildes, ohne dass der von Zweig und vielen anderen so geschätzte harmonische Gesamteindruck verloren ging. Hannover blieb eine im Vergleich zu den großen Metropolen übersichtliche "Großstadt im Grünen", wie ein eingängiger Slogan der Fremdenverkehrswerbung titelte. Allerdings machten sich auch hier die Spuren der Industrialisierung und eines starken Bevölkerungsanstiegs bemerkbar. Der dynamische Umbau der über Jahrhunderte langsam gewachsenen Stadt, der sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in allen Großstädten vollzog, beschleunigte sich nach der Jahrhundertwende. Es entstand ein "neues Hannover"(Stadtbaurat Karl Elkart), geprägt durch räumliche Erweiterungen in Folge von Eingemeindungen der Vordörfer, dem Ausbau des Verkehrssystems, intensiven Wohnungsbau, umfangreiche Industrieanlagen, Verwaltungsgebäude und Repräsentationsbauten. Innovative städtebauliche Konzepte, neue Architekturformen und moderne Verkehrs- und Beleuchtungstechniken prägten den städtischen Raum insbesondere seit den 1920er Jahren. Das Spektrum der architektonischen Ausdrucksformen bewegte sich zwischen den räumlich nah beieinander stehenden Polen des historistischen Provinzialmuseums (Nds. Landesmuseum) am Maschpark von 1902 und der sachlich-funktionalen Stadtbibliothek in der Hildesheimer Straße von 1931. Die Ausstellung veranschaulicht in einem ersten Teil diesen Wandel des Stadtbildes zwischen Tradition und Moderne vor den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs anhand anschaulicher Fotografien, Gemälde, Drucke, Postkarten und Souvenirs. Dieses unbewegte dokumentarische Material wird auf der Folie der überaus eindrucksvollen Bilder des Films "Das Gesicht der Stadt" (1932) präsentiert. Das alte, überlieferte Stadtbild steht dabei in einer spannungsvollen Beziehung zu den Neubauten und technischen Innovationen, die die dynamischen Veränderungen Hannovers dieser Zeit kennzeichnen. Zu den Besonderheiten dieses Ausstellungsteils gehören fotografische Serien, aufgenommen vom Turm der Gartenkirche 1904 und vom Lindener Berg um 1926, die den Ausstellungsbesuchern einen panoramaartigen Überblick über die Stadt und ihr Umland vermitteln. Die meisten dieser Bilddokumente werden in dieser Ausstellung erstmalig öffentlich gezeigt. Einen Sonderbereich dieses Ausstellungsteils stellt die städtebauliche Veränderung Hannovers nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 dar: Mit dem Bau des Maschsees bis 1936, der Übernahme der Herrenhäuser Gärten in städtischen Besitz 1937 und den Sanierungsmaßnahmen im Bereich Ballhof 1935/36 wurden prestigeträchtige Projekte umgesetzt. Bunkerbauten waren demgegenüber steinerne Manifeste der Vorbereitung eines Krieges, der Hannover in eine Ruinenlandschaft verwandeln sollte. In einem zweiten, eigenständigen Ausstellungsteil wird das überaus lebendige Stadt- und Straßenleben in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vorgestellt. Nicht das gebaute Hannover mit seinen architektonischen Besonderheiten und seiner wachsenden Infrastruktur steht dabei im Vordergrund, sondern die Nutzung des Stadtraums durch die Menschen - gleichsam ihre Aneignung vor dem Hintergrund der Entwicklung moderner urbaner Strukturen und Milieus. Zeittypische Werbemedien auf den weit verbreiteten Litfass-Säulen, an den Fassaden und in den Schaufenstern der modernen Warenhäuser, Festveranstaltungen wie die Kaiserbesuche vor 1914 oder die Einweihung repräsentativer Gebäude - etwa das Neue Rathaus 1913 - die Märkte, Promenaden, politische Demonstrationen und das Leben auf den Straßen werden hier genauer in den Blick genommen. Eine bahnbrechende Innovation dieser Zeit erfährt besondere Aufmerksamkeit: Die Zeitgenossen nahmen die durch künstliche Beleuchtung illuminierte Stadt, oder - wie es eine Publikation 1930 formulierte - "Hannover im Licht" als Signatur der Modernität schlechthin wahr. Die Ausstellung wird durch "klassische" Veranstaltungen - wie Vorträge und Lesungen zur Kulturgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts - begleitet. Zudem ist ein museumspädagogisches Programm geplant, das insbesondere junge Menschen einlädt, die aktuellen Planungsinitiativen (z.B. "Hannover City 2020") mit historischen Befunden zur Stadtgestalt in Beziehung zu setzen. Dabei werden bewusst Parallelen zwischen dem medialen Aufbruchsgeist der 1920er und 30er Jahre und der Dynamisierung der Bilderwelten unserer Zeit gezogen.

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