c/o Berlin, (Foto: David von Becker)
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c/o Berlin

c/o Berlin, (Foto: David von Becker)
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Tel.: 030 28 444 160
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Jörg Sasse: Common Places

15.09.2012 - 28.10.2012
„Was mich interessiert, ist der Punkt, an dem man meint, etwas erkannt zu haben, das sich im nächsten Moment jedoch wieder entzieht.“ Jörg Sasse
Trophäen, Heizkörper, Treppenabsätze, Polstersofas, Lamellenvorhänge, Topflappen, Plastiktiere – diese Motive erscheinen auf den ersten Blick vollkommen zusammenhangslos und wenig spektakulär. Was wird hier eigentlich genau gezeigt? Und wozu? Was hat es mit diesen Interieurszenerien und schlichten Objekten in einer rätselhaft menschenleeren Atmosphäre auf sich? Durch ungewöhnliche Perspektiven und Anschnitte erschließen sich die abgebildeten Dinge des täglichen Lebens oft nicht auf den ersten Blick. Mit seinen hermetischen Kombinationen fordern die Fotografien von Jörg Sasse zu einem genauen Betrachten auf. Erst das tastende Schauen und entschleunigte Beobachten legen Analogien und Korrespondenzen frei, lassen Bedeutungs- und Bildebenen erkennen und führen allmählich zu Erkenntnissen. Dabei entziehen sich diese gleichzeitig einer sprachlichen Ein- und Zuordnung. Indem Jörg Sasse die Oberflächen der Dinge durchdringt und neu arrangiert, zeigt er spielerisch und mit viel Humor, welche subtile Wirkungsmacht das Visuelle besitzt.
Die Ausstellung bei C/O Berlin zeigt zwei Hauptwerke von Jörg Sasse – 110 in zehn Blöcken zusammengestellte Stillleben sowie den Speicher II mit insgesamt 512 Bildern.
Die Bilder der Blöcke geben eine ästhetisch perfekte, formal reduzierte Realität wieder, die aber leichte Brüche aufweist. Bei genauerem Hinsehen entstehen Irritationen, die auf Widersprüchen zwischen Alltagserfahrung und -wahrnehmung basieren. Die Objekte und Situationen wirken in den Abbildungen fremd und gleichzeitig vertraut. Die kompositorische Stringenz und Abstraktion sowie flächig-hypnotische Farbigkeit verstärken diesen Effekt zusätzlich. So verhandeln die Abweichungen von der Realität Aspekte von Malerei, loten Farben aus und setzen Formen neu zusammen. Die Ausschnitte sind teils so gewählt, dass sie entweder verschleiern oder fokussieren. Jörg Sasse hintergeht bewusst Inhalt, Kontext und Vorwissen und entlässt den Betrachter in einem offenen, nicht-zielorientierten Prozess des „sehenden“ Sehens.
Der Speicher II ist eine drei-dimensionale Skulptur, zugleich Archiv und Datenbank. Er beinhaltet visuell überarbeitete Amateurfotografien aus dem Ruhrgebiet von den 1950ern bis 2010. Diese Bilder wurden nach ihrer sprachlich-inhaltlichen Relevanz in 56 Kategorien zusammengefasst, wobei jedes einzelne Foto wenigstens mit drei Schlagworten versehen wurde – von abstrakt und statisch/organisch, über Freizeit, Wasser bis hin zu Industrie und Handel. Jeder Besucher kann sich nach Auswahl einer Kategorie eine eigene Hängung realisieren lassen. Jörg Sasse macht dadurch mit dem Speicher den Besucher selbst zum Akteur im Kunstbetrieb und den Prozess des Kuratierens transparent. Und schließlich stellt der Speicher die Frage nach dem Umgang mit dem Archiv – das Sichtbare ist immer nur ein Teil des Vorhandenen, dem Zufall und dem subjektiven Geschmack unterworfen.
Jörg Sasse, geboren 1962 in Bad Salzuflen, studierte von 1982 bis 1987 an der Kunstakademie Düsseldorf, wo er 1987 Meisterschüler bei Bernd Becher war und dort auch von 1988 bis 1989 einen Lehrauftrag hatte. Im Anschluss realisierte er diverse Projekte und Vorträge an verschiedenen Hochschulen. Von 2003 bis 2007 war Jörg Sasse Professor für Dokumentarfotografie an der Universität Duisburg-Essen / Folkwang Hochschule. 2005 wurde er für den Deutsche Börse Photography Prize nominiert. Von 2010 bis 2011 hatte er eine künstlerische Gastprofessur am Institut für Bildende Kunst und Kunstwissenschaft an der Universität Hildesheim inne. Seine Werke wurden international publiziert und ausgestellt – u.a. im Musée de Grenoble, in der Kunsthalle Zürich, im ZMK Karlsruhe, im Musée d’Art Moderne, in der Kunsthalle Hamburg und Photographers’ Gallery London. Seine Bilder befinden sich im Besitz zahlreicher Sammlungen wie die des Solomon R. Guggenheim Museums in New York, des Städel Museums in Frankfurt und der Sammlung der Deutschen Börse Group. Jörg Sasse lebt und arbeitet in Berlin.

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