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Dresdner Sezession 89 e.V.


Prießnitzstr. 43
01099 Dresden
Tel.: 0351 802 67 10
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Öffnungszeiten:

Mi-Fr 15.00-18.00 Uhr
Sa 12.00-14.00 Uhr

vertretene Künstler

Evelyn Richter
Hildegund Sell

Schwarz - Weiss

10.03.2012 - 14.04.2012
Das Älterwerden von Künstlerinnen ist zumeist auch mit einem Rückgang einer achtsamen Präsenz ihrer Arbeit in der Öffentlichkeit verbunden. Ihr Werk gerät dadurch oft ganz unberechtigt sehr schnell in Vergessenheit. Die Dresdner Sezession 89 e.V. erkennt dies als ein deutliches Defizit in unserer Kulturszene und möchte die künstlerischen Potentiale der älteren Kolleginnen in den Ausstellungen wieder erlebbar werden lassen. "Schwarz - Weiss" ist der Titel der Werkpräsentation von zwei in sehr unterschiedlichen Bereichen agierenden Bildenden Künstlerinnen, der Keramikerin Hildegund Sell und der Fotografin Evelyn Richter. Beide Frauen haben jedoch eines gemeinsam, Haltung und Auffassungen in ihrer Arbeit zu entwickeln und zu leben und so in der Kunst wichtige Akzente setzen und durchsetzen über das ambivalente ‘Schwarz-WeißÂ’ und darüber hinaus. Hildegund Sell, geboren 1933 im norddeutschen Torgelow, lernte zuerst an der Fachschule für Angewandte Kunst in Wismar bei I. Liebscher das Handwerk Keramik und begann 1954 ein Studium an der Hochschule für Bildende und Angewandte Kunst in Berlin-Weißensee, das sie 1958 mit dem Diplom einer Industrieformgestalterin abschloss. Nach einigen Jahren Beschäftigung in der Industrie arbeitet sie seit 1979 als freischaffende Keramikerin im eigenen Atelier in Meißen. Die klare, einfache, frei aufgebaute Gefäßform in Ton und Porzellan, das Ausloten der Spannung über das Experiment mit Material und Techniken, das ist es, was uns in den schlichten, herb eleganten Schöpfungen der Keramikerin begegnet. Die langjährige Entwicklungs- und Entwurfsarbeit für die industrielle Produktion wirkten dabei prägend und disziplinierend auf den Formfindungsprozesses ihrer Objekte und Gefäßplastiken. Ihre Arbeiten bauen sich nicht von innen aus dem Klumpen auf, sondern aus der Distanz des Außen werden Platten geschnitten, gebogen, gefügt und eingepasst. Linien, Flächen, Proportionen und Bewegungen werden ganz bewusst wie bei einer Zeichnung abgewogen und gesetzt. "Wie ein Lebendiges füllt die Masse unter ihren Händen die Idee aus". Hildegund Sell bricht aus der mitteleuropäischen Formtradionen aus und baut auf die Ambivalenzen des Materials, der Form, der Farbe und führt diese u.a. in eine Reduktion auf Weiß und sparsamen Schwarz. Obwohl sie die utilitäre Bindung der Keramik nie komplett aufgibt, können sich die Gefäße durchaus frei von ihrer Bestimmung auch als plastische Gebilde behaupten. Evelyn Richter, geboren 1930 in Bautzen, wuchs in einem bürgerlich, christlichen Elternhaus auf und wurde von den Gesinnungsübungen des damals herrschenden "Dritten Reiches" weitestgehend ferngehalten. Sie lernte als Mädchen an der Schule der pietistischen Herrnhuter Brüdergemeinde und erfuhr durch die spartanische Erziehung, wie sie selbst sagt, eine gute Vorbereitung auf das spätere Leben, das heißt, auch in der späteren DDR mit einer eigenen Haltung zurechtzukommen und sich durchzusetzen. Über einen glücklichen Zufall erhielt Evelyn Richter im Atelier von Pan und Christine Walther in Dresden zwischen 1948 und 1952 die Ausbildung zur klassischen Lichtbildnerin. In diesen Jahren begegnete sie auch Persönlichkeiten der Dresdner Kunstszene, wie Hegenbarth, Lachnit, Dix und Jüchser. 1953 bis 1956 studierte sie Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und wurde nach drei Jahren bereits wieder exmatrikuliert aufgrund einer eigens vertretenen sozialkritischen Auffassung im Rahmen einer heute absurd erscheinenden Formalismusdebatte. In dieser Zeit beschäftigte sie sich intensiv mit Otto Steinerts "subjektiver Fotografie" und bekannte sich fortan zur sozialdokumentarischen Fotografie, ohne Pathos, ohne verlogene Romantik. Sie überstand den harten Überlebenskampf mit Aufträgen als Theater- und Messefotografin und entwickelte nebenher ihren eigenen Anspruch an das Medium Fotografie mit Themen wie Frauen bei der Arbeit als harte Gegenbilder zum Aktivisten-Pathos in der DDR. Nach dem Bau der Mauer wurden jedoch Fotogenehmigungen in der Industrie stark eingeschränkt und so verlegte Evelyn Richter ihre Arbeit auf Reisereportagen, Ausstellungsaufnahmen und Musikerporträts. Bekannt wurde sie auch durch ihr im Henschel-Verlag erschienenes Buch über den russisch-jüdischen Geiger David Oistrach. Hier fand sie eine ihr eigene Sprache, die sich stark von den sonst üblichen Starporträts unterschied. Leider hat das damals nicht nur urheberrechtlich umkämpfte Buch bis heute nicht den verdienten Weg in die Öffentlichkeit gefunden. In den Achtzigern sollte sie wieder an die Leiziger Hochschule für Grafik und Buchkunst zurückkehren, jetzt als Lehrbeauftragte für Fotografie und nach der Wende zwischen 1991 und 2001 erhielt sie hier gar eine Ehrenprofessur in Fotografie. Es folgten zahlreiche Preise und Ehrungen. Über all die Jahrzehnte blieb sie der Schwarz-Weiss Fotografie verbunden, lehnt sie Effekthascherei und bunten Hochglanz ab. Ihre Kommentare wie "Ein gutes Bild muss auch ein Gleichnis sein, tief erlebt, emotional verdichtet." und "Ich suche die Konzentration, nicht das Extreme" beschreiben kurz und prägnant, worum es ihr in ihrer fotografischen Arbeit geht: Meinung und Haltung zeigen mithilfe eines Bildes im reduzierten Schwarz-Weiß ohne Schwarz-Weiß-Malerei in der Wertung über den hohen ästhetischen Anspruch hinaus.

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