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Achtzig-Galerie für zeitgenössische Kunst

Achtzig-Galerie für zeitgenössische Kunst Berlin Ausstellungen
Achtzig-Galerie für zeitgenössische Kunst Berlin Ausstellungen

Hagenauer Str. 7
10435 Berlin
Tel.: 0178 44 82 997
Homepage

Öffnungszeiten:

Do-Sa 15.00-20.00 Uhr

Die Kunst-Revolution in der Achtzig-Galerie

16.04.2011 - 07.05.2011
Das Thema Revolution hat sich in diesem Frühjahr in das Bewusstsein der Welt mit einem Schlag zurückkatapultiert. Die Idee der Revolution präsentiert sich in diesen Tagen als höchst virulent: Von Tunesien ausgehend, über Libyen und den Jemen spüren selbst die Volksmassen in China, dass eine neue Zeit anbrechen könnte. Die Revolution trägt in sich ebenso ein Versprechen von Freiheit, wie auch zugleich die Androhung von Gewalt und Gefahr. Es geht um den Umsturz einer Ordnung zugunsten einer neuen, um eine Neuordnung der Verhältnisse und Werte. Mit ihrer April-Ausstellung beweist die Achtzig-Galerie für Zeitgenössische Kunst einmal mehr ihr untrügliches Gespür für die Themen, die die zeitgenössische Wirklichkeit bestimmen und beeinflussen. So geben im Rahmen dieser Gruppenausstellung nationale und internationale Künstler dem Thema Revolution ihre eigene künstlerische Ausformung. Gezeigt werden die Werke Florian Froehlichs, Katalin Jakobs, Karin Scheuchers, Ellen Wolters, Franziska Seiferts, Marita Wiemers, Renate Meißners, Sibylle Wills, Sylvester Antonys, Helena Assats, Petra Meyers, Patrizia Schüllers und Dorothea Weises. Dreh- und Angelpunkt der Bildwelten und Skulpturen Florian Froehlichs ist immer die Masse Mensch. Der Mensch tritt hier nicht als Einzelfigur, als Individuum auf, sondern immer als Teil einer Gruppe, ohne individuelle Züge. So sind die Massen, die er zeigt immer in Bewegung, von seinen Werken geht eine starke Dynamik aus, aber die Masse selbst bleibt amorph, grenzenlos und unscharf. Das Thema der Revolution, die in ihren Anfängen zwar von einer kleinen Gruppe ausgehen kann, letztlich aber immer auf die Unterstützung einer breiten Menschenmasse angewiesen ist, ist somit wie geschaffen für diesen jungen Schweizer Künstler, der in seinen Werken immer wieder die Begegnung von Mensch und Masse inszeniert und problematisiert, wie zum Beispiel in seinem Werk "Französische Revolution". Die Position der Schweizerin Katalin Jakob, spricht bewusst von einer "revolutionären Kraft", die sie für ihre Kunst einsetze. Ihre Werke kommen genauso kraftvoll und innovativ daher, wie es dieser Ausspruch vermuten lässt. Die Disparität in der Farbwahl ihrer Bildwelten, die oft in grelle Kontraste mündet, transportiert eine kraftvolle Lebendigkeit. Der meist ruhige Hintergrund wird aufgerissen, oft durch ein Blutrot, und verweist so auf das Thema Gewalt. Ordnungen werden zerstört und das Thema Revolution erscheint hier als omnipräsente Möglichkeit des Umsturzes von Biographien und/oder Gesellschaftsordnungen. Gleichzeitig verweist die tiefe Bewegtheit ihrer Bildwelten, ebenso wie die häufig anzutreffende Variation des Thema Fliegens, auch immer auf einen möglichen Neuanfang, auf den Aufbruch in eine neue Zeit. Die Bilder der Österreichischen Künstlerin Karin Scheucher leben von der Spannung zwischen Figuration und Abstraktion. Bevölkert werden sie von Menschen, die in einem steten Kontakt zur Gewalt stehen. Sie sind entweder Täter oder Opfer und es sind nicht die Menschen, die die Gewalt beherrschen, sondern es ist die Gewalt, die die menschliche Existenz umklammert. Diese grauenhafte Vision einer alles verzehrenden immerwährenden Gewalt ist Karin Scheuchers individuelle Interpretation der Revolution, die an den spätlateinischen Begriffsursprung des Wortes anknüpft: Ursprünglich bezeichnete der Terminus "Revolution" die gleichbleibende kreisförmige Bewegung der Himmelskörper. So erscheint Gewalt hier auch als Kreislauf: Ihr Ende und ihr Anfang bleiben dem Menschen unverständlich. Die Berliner Malerin Ellen Wolter verzaubert den Betrachter mit einer grellen Lebendigkeit und einer überbordenden Farbfülle. Ihre Werke leben von Anleihen aus der zeitgenössischen Werbeindustrie und hoch artifiziellen Anspielungen auf die Kunstgeschichte. Die Bunthaftigkeit der Farbauswahl sowie die Maltechnik erinnern den Betrachter an die Bilder Roy Lichtensteins und Andy Warhols. Der Einbau unterschiedlicher Schrifttypen in ihre Bildwelten wiederum verweist auf die Zitat-Technik der amerikanischen Künstler Stuart Davis oder Charles Demuth aus den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Ellen Wolter inszeniert die Themen Revolution und Freiheit in ihren Werken als weiblichen Geschlechterkampf. In der Art eines Comics kreisen ihre Werke um Macht und Ohnmacht der Frau und dokumentieren die Entwicklung der Frau von dem Augenblick ihrer Schöpfung über ihre Rolle als bewegliche Handhabe des Mannes nach dem Sündenfall bis hin zu modernen Visionen zeitgenössischer Weiblichkeit. Die Steinskulpturen und Monotypien Franziska Seiferts interpretieren das Thema von Revolution und Bewegung auf eine ganz ungewöhnliche Weise. Ebenso vielfältig wie die Steintypen, die Franziska Seifert für ihre Skulpturen verwendet, sind auch die Deutungsmöglichkeiten der Figuren, die oft anthropomorphe Formen aufweisen und dabei meist nicht über einen fragmentarischen Ausschnitt hinausgehen. Der Stein gilt gemeinhin als Inbegriff toter Materie, als starr und unbeweglich. Umso interessanter wirkt die Umdeutung, die er unter den Händen Franziska Seiferts erfährt: Ihre Skulpturen sind von Grund auf unbestimmt. Doch ist es gerade diese Unbestimmtheit, die in letzter Instanz dem ganzen Gebilde einen ungewöhnlich hohen Grad an (emotionaler) Bewegtheit verleiht. Die großformatigen Monotypien, die sie von einer Vielzahl ihrer Skulpturen anfertigt, reflektieren den Arbeitsprozess der Künstlerin auf eine faszinierende Weise: Als seitenverkehrter Einmaldruck der Figur, heben sie zwar ihre Dreidimensionalität auf, entfalten jedoch als einzigartiger "Fingerabdruck" des jeweiligen Kunstwerks eine ganz eigene künstlerisch-reflexive Qualität. Die grafischen und malerischen Werke Marita Wiemers bestechen durch ihr klares Bekenntnis zum Ungegenständlichen. Figurative Elemente sucht der Betrachter hier vergeblich. Ihre Werke bedienen sich bei der künstlerischen Umsetzung des Themas Revolution einer großen Expressivität, die sich in dem gekonnten Spiel mit Formen, Farben und Strukturen ausdrückt. Linoldruck und Spachteltechnik gelangen unter den fachkundigen Händen Marita Wiemers zu einer ungeahnten Ausdrucksfülle. Ihre Werke tragen in aller Regel keine Titel, sondern laden den Betrachter zu einer Fantasiereise ein, deren Zielort im Unbestimmten liegt. Es sind die individuellen Gefühle der Künstlerin beim Anblick einer bestimmten Landschaft oder beim Nachvollzug des Wechsels von Licht und Schatten, die diesen einzigartigen Bildwelten Struktur und Form geben und den Betrachter einladen, sich schöpferisch an der Ausgestaltung dieser spirituellen Reise zu beteiligen. Die Bildwelten Dr. Renate Meißners bestechen durch einen hohen Grad an Individualität und Kreativität. Thema der freiberuflichen Psychotherapeutin ist das menschliche Seelenleben. Ihre farbgewaltigen Werke porträtieren seelische Zustände: Man begegnet hier den Themen Einsamkeit und Schmerz ebenso wie der Idee der Liebe. Diese menschlichen Gemütszustände erscheinen hier als Grundthemen der menschlichen Psyche, die somit allgemeingültig sind und losgelöst von Raum und Zeit ihre Gültigkeit bewahren. Aus der Fülle und der Vielfalt der hier zur Abbildung gelangenden Gefühlszustände lässt sich die Möglichkeit "revolutionärer" Abläufe in der menschlichen Psyche ableiten, aufgrund derer das menschliche Individuum von einem psychischen Zustand in den nächsten, möglicherweise gegenständlichen, übertritt oder "gestoßen wird". Die "Porträts" der baden-württembergischen Künstlerin Sibylle Will haben sich fast ausschließlich dem Weiblichen verschrieben. Ihre Figuren sind meist nackt, erscheinen ohne Requisiten, genügen sich selbst. Mitunter erscheinen sie als Sinnbild von Leid und Schmerz. Ihre Gesichter haben in der Regel einen kontemplativen Ausdruck und verraten nur selten etwas über den jeweiligen Gemütszustand der Figur. Die Augen sind groß gezeichnet und von einer bewegenden Ausdruckskraft. Als Spiegel der Seele bleiben sie jedoch undechiffrierbar. Die Figuren wirken verletzlich, unfertig, sind oft mehr flüchtig hingeworfene Studien als klar umrissene "Porträts". Dieser Punkt bildet den theoretischen Kern der Bildwelten Sibylle Wills, die keine mimetische Abbildhaftigkeit erreichen wollen, sondern zum Wesenhaften der weiblichen Figur vordringen wollen. Der Ausnahmekünstler Sylvester Antony, der bereits seit 20 Jahren auf der ganzen Welt ausstellt, lebt und arbeitet auf Schloss Wodrow, in dem gleichnamigen Ort Wodrow, wo er auch eine ständige Ausstellung seiner Werke unterhält. Inhaltlich reflektieren seine Bilderzyklen, z.B. der Zyklus "Cocaine-City", die der menschlichen Gesellschaft inhärenten Spannungen. Immer wieder gibt es Anleihen an den deutschen Expressionismus: Auch sein Thema ist die moderne Großstadt, die den Menschen durch Angebote und Verlockungen an sich bindet, aber auch durch Befehle seine Existenz lenkt. Die Szenarien sind düster und sexy zugleich. Überall ist Aufbruch und Bewegung. Sein Malstil ist höchst ungewöhnlich und besticht durch eine starke materielle Präsenz. In den Bildwelten der Leverkusener Künstlerin Patrizia Schüller kann sich der Betrachter leicht verlieren. Ihr Malstil verzichtet gänzlich auf Figuration zugunsten einer alles umfassenden Ungegenständlichkeit. Bemerkenswert sind die kontrastreiche Farbwahl und der strukturhafte Farbauftrag, die den Bildern eine große (emotionale) Bewegtheit verleihen. Wasser und Landschaften, die hier zu einer abstrakt-poetischen Darstellung gelangen, bilden das thematische Zentrum ihrer Bildwelten, die so auch als Seelenlandschaften lesbar sind. Der hohe Abstraktionsgrad ihrer Bilder fordert vom Betrachter eine interpretatorische Eigenleistung und lädt ihn ein, dem Kunstwerk ganz individuell zu begegnen. Die Künstlerin Helena Assat malt ihre Kunstwerke mit Acrylfarben. Es entstehen traumhafte Figurengebilde, die den Betrachter an die Malerei Joan Mirós sowie an die Frauengesichter und Stillleben Pablo Picassos erinnern. Beherrschend in der Farbwahl sind Meerestöne. Vor diesem blauen Hintergrund erheben sich helle Linien, die die gemalten Figuren zerteilen und kreuzen. Durch diese außergewöhnliche Technik des Farbauftrags bilden sich dreidimensionale Flächen und fast schon skulpturhafte Formen heraus. Die Bildwelten Dorothea Weises handeln von der Zerrissenheit menschlicher Biographien und Formen des Gemeinlebens. Immer wieder sind es kleine Details, denen die Künstlerin nachspürt und die sie dann in bildgewaltige Geschichten überführt, die oft mythisch überhöht oder märchenhaft verklärt erscheinen. Das inhaltliche Zentrum dieser Auseinandersetzung mit der Heterogenität der menschlichen Existenz bilden immer wieder anthropologische Grundthemen wie Schuld und Unschuld oder Gut und Böse. Doch diese Dichotomien sind aus den Fugen geraten und haben ihre klare Abgrenzung zueinander verloren: Dadurch führen sie dem Betrachter immer wieder eindringlich die Möglichkeit von Revolution als einer Umkehrung der bestehenden Verhältnisse vor Augen. Der Blick dieser Künstlerin auf eine aus den Fugen geratene Welt ist voller Traurigkeit und scheint die Möglichkeit, eines positiven Ausgangs und somit des Überflüssigwerdens von revolutionärer Veränderung auszuschließen. Die Ölbilder Petra Meyers beziehen ihren hohen Grad an Expressivität aus der Verwendung geometrischer Formen. Es entstehen bunte Räume, die aus gleichmäßig angelegten farbigen Flächen bestehen. Der hohe Abstraktionsgrad verleiht ihren Werken etwas Geheimnisvolles. Durch das exzessive Spiel mit Licht- und Schatteneffekten erzielt die Malerin große räumliche Tiefen, was ihren Bildern oftmals labyrinthartige Strukturen verleiht. Die äußerst kontrastreiche Farbgebung verstärkt diesen Effekt der Plastizität noch zusätzlich. Das klare Bekenntnis zum Ungegenständlichen kombiniert mit der strikten Verwendung geometrischer Formen erinnert den Betrachter an die Malerei des Konstruktivismus und den wesensverwandten Versuch dieser Künstler, sich vom Diktat der mimetischen Nachahmung zu lösen.

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