© monet / Fotolia
KULTURpur
Premiumpartner
IDEAL Versicherung

KULTURpur - Wissen, wo was läuft!

Galerie in der Brotfabrik

Stadtplan
Caligariplatz 1
13086 Berlin
Tel.: 030 471 40 01
Homepage

Joachim Froese: Tell him it is all a transition

17.10.2014 - 30.11.2014
 

Joachim Froese‘s fotografische Rauminstallation: „Tell him it is all a transition“
„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“ (Thomas Mann)
Fast jede Familie besitzt Hinterlassenschaften von Angehörigen in Form von Briefen, Feldpostkarten oder Fotografien aus den beiden Weltkriegen. Über ihre historische Zeugen-schaft hinaus erzählen diese Dokumente aus zeitgenössischer Hand vom persönlichen Umgang mit der alltäglichen Katastrophe und knüpfen nicht selten eine metaphysische Verbindung zu den Nachkommen. Das Ge-schriebene und in besonderem Maße das zwischen den Zeilen Verborgene dieser Korrespondenz aus der Vergangenheit wird in ihre Erinnerung und Erfahrungswelt transzendiert und zeugt vom Innenleben individueller Lebensschicksale.
Der Fotokünstler Joachim Froese nutzt die Briefe seines Großvaters aus dem Zweiten Weltkrieg, um für sich und den Betrachter einen imaginären Raum der Begegnung zu schaffen. Er faltet sie zu Papierbooten um und konstruiert daraus ein Kunstwerk, das er in die Realität der Gegenwart überstellt. Der zwischen 2011 und 2014 entstandenen Fotoserie „Tell him it is all a transition/Sage ihm, es sei alles nur ein Übergang“ liegen mehrfache Transformationsprozesse zugrunde, die die Thematik des Übergangs leitmotivisch verankern und stilllebenhaft dingfest machen. Zunächst werden die ungefalteten Briefe gestapelt auf einem alten Holzklapptisch mit einer Holzente arrangiert. In einer friesartigen Anordnung werden sieben verschiedene Stadien der Faltung der Briefe zu Booten gezeigt und schließlich jeweils ein Briefboot als monumentales dreiteiliges Triptychon in strenger Frontalität vor weißem Hintergrund präsentiert. Froese transformiert den Brief als Botschaft und Erinnerungsträger: er dekonstruiert die Ästhetik des Dokuments vom Briefpapier zum dreidimensionalen Artefakt über die fotografische Bildserie bis hin zur Rauminstalla-tion. Damit ist der Übergang von der zeit-gebundenen postalischen Botschaft zum zeitlosen Kunstwerk vollzogen. Der Titel der Fotoserie „Tell him it is all a transition“ ist ein Zitat aus dem ersten Brief seines Großvaters 1944 auf dem Weg an die Ostfront an seine Frau und ihre beiden Kinder – und wohl ganz banal als Ermunterung für den Sohn gedacht, der sich ein Bein gebrochen hatte. Für Froese‘s Bilddenken, der sein Rohmaterial mit Vorliebe aus seiner eigenen Biografie und der europäischen Stilllebenmalereitradition schöpft, ist dieser Satz darüber hinaus ein allgemeingültig philosophischer, der sich auch auf das ungewisse Schicksal des Soldaten auf dem Weg zur Ostfront selbst bezieht. Eine weitere Inspiration für den in Australien lebenden Künstler ist die berühmte japanische Geschichte von dem Mädchen Sadako Sasaki, die nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima an Leukämie erkrankt und einer Legende folgend Papierkraniche zu falten beginnt. Nach dieser hat jeder Mensch, dem es gelingt, 1.000 Kraniche zu falten, einen Wunsch frei. Sadakos größter Wunsch, gesund zu werden, erfüllt sich nicht: Bevor sie ihre Arbeit vollendet, stirbt sie an ihrer Krankheit. Der Prozess der Faltung ist also der japanischen Legende nach sowohl eine profane als auch eine symbolische Bewältigung der Vergangen-heit, die bis in die heutige Zeit nachwirkt. Die formalen und inhaltlichen Verknüpfungen mehrerer Realitätsebenen mit persönlichem Bezug zu autobiografischen Übergängen in Form von konstruierten Stillleben sind typisch für Joachim Froese‘s fotografisches Werk und macht seinen besonderen einzigartigen Reiz aus. Ihm geht es nicht um Abbildhaftigkeit von Realität, vielmehr geht es ihm um die Konstruktion einer eigenen Bilderwelt, die immer in strenger Seriealität und frappanter Detailversessenheit Übergänge sichtbar macht. Seine Fotografien sind keine momenthaften Spiegelbilder der Wirklichkeit, sondern immer Sinnbilder der Vergänglichkeit der irdischen Existenz. Dabei verwendet er viel Zeit und Hingabe in den konzeptuellen und technischen Entstehungsprozess sowie in die virtuos angelegte Bildkomposition. In Affinität zu den Vanitas-Stillleben des 17. Jahrhunderts verführen sie den Betrachter zu einer aktiven gedanklichen Teilnahme, auch im Sinne einer offenen Reflexion über sich selbst. In ihrer offenen, veränderbaren Anordnung erfahren die einzelnen, wie regungslose Ikonen wirkenden Bilder der Serie „Tell him it is all a transition“ in ihrer nüchternen und präzisen Präsenz eine dynamische Bewegung im Raum. Nur fragmentarisch sind einzelne Worte und Zeilen in filigraner Handschrift sowie Stempel der Briefboote entschlüsselbar, womit die direkte emotionale Intensität der Briefinhalte gleichsam aufgehoben wird. Aufgehoben ist nicht die magische rätselhafte Dimension, die allen Werken Froese‘s eigen ist. So können sie auch als begehbares memento mori verstanden werden, indem der Betrachter seine eigenen Sinnzusammenhänge ergründen kann.
Solcherart Assoziationen ergeben sich von Charons Boot, der die Seelen der Toten über die Grenzflüsse ins Totenreich überführt über Böcklins berühmte Toteninsel , bis hin zu Andersens Geschichte vom standhaften Zinnsoldaten, der in einem gefalteten Papierboot durch den Rinnsteig bis ins offene Meer gelangt und dort sein Ende findet. In all diesen Geschichten ist das Boot Metapher für den Übergang.
Froese‘s Großvater schrieb Briefe bis er 1945 in russische Kriegsgefangenschaft geriet. Aus dem Gefangenenlager kamen noch kurze Meldungen bis er 1947 in der Nähe von Moskau an einer Lungenentzündung verstarb. Seine Frau schrieb ihm noch ein weiteres Jahr Briefe ins Lager bis sie mit langer Verspätung die Nachricht vom Tode ihres Mannes erreichte. Sie erhielt einen ihrer letzten Briefe zurück,abgestempelt mit den Worten: „Empfänger nicht zu ermitteln“.

Öffnungszeiten:
tägl. 16.00-21.00 Uhr