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Yorgos Sapountzis: Die Landschaften Griechenlands

07.11.2014 - 13.12.2014
 

Die Serie monochromer Landschaften in den Arkaden auf der Nordseite des Hofgartens in München hat einen zumeist verdrängten historischen Hintergrund: Nach der Befreiung Griechenlands aus der osmanischen Herrschaft hatten sich 1832 ausländische Mächte zusammengeschlossen, um in Griechenland eine Monarchie zu errichten. Auf der Londoner Konferenz setzte ein Zusammenschluss aus Russland, Frankreich und England – die sogenannten Großmächte – Otto, den zweiten Sohn von König Ludwig I. von Bayern, als neuen König von Griechenland ein. Bald danach beauftragte König Ludwig I. Carl Rottmann, einen seiner bevorzugten Landschaftsmaler, mit einem Zyklus griechischer Landschaften, die die beiden Länder symbolisieren sollten, die nun dem bayerischen Königshaus unterstanden. Während einer einjährigen Studienreise durch Griechenland besuchte Rottmann daraufhin 23 Orte auf dem Festland und an der Küste, darunter die ehemalige Hauptstadt Nauplia, um die griechischen Landschaften kennenzulernen. Nach seiner Rückkehr nach München entwickelte er aus seinen Studien Kompositionsskizzen in einer Art Enkaustik-Technik, weil die Werke – wie der bereits existente Zyklus mit Fresken italienischer Landschaften – in den Arkaden des Hofgartens angebracht werden sollten. Nach Beschädigungen der Italien-Fresken wurde dieser Plan jedoch aufgegeben. Stattdessen ließ Ludwig I. den Griechenlandzyklus nach Rottmanns Tod in einem eigens errichteten Rottmann-Saal in der 1853 eröffneten Neuen Pinakothek installieren.
Nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurden die Arkaden wiederaufgebaut und erhielten 1961 eine Serie stilisierter Fresken, die einige Motive der originalen Griechenlandbilder Rottmanns aufgriffen und das Format der Italien-Fresken übernahmen. Ergänzt wurden sie mit Zitaten griechischer und deutscher Dichter. Auf meinem Weg zum Kunstverein gehe ich fast jeden Tag an ihnen vorbei, sodass die Bilder nach einiger Zeit immer vertrauter wurden. Trotzdem gehen sie im Trubel des Alltags schnell wieder unter.
Als Yorgos Sapountzis in diesem Jahr einige Zeit in München verbrachte, erregten diese Landschaften Griechenlands sofort sein Interesse. Sie bilden nun die Grundlage seiner gleichnamigen Ausstellung. Dabei geht es nicht um eine Neuinterpretation des Rottmann-Zyklus und seiner Geschichte.
Sapountzis interessiert sich vielmehr dafür, wie die Szenerie eines Ortes seine Bewohner beeinflusst und – etwas vereinfacht gesagt – wie die Vergangenheit in der Gegenwart verankert ist. Beispielsweise wird bei den Arkaden immer auf Rottmann verwiesen, kaum jemand aber erwähnt Richard Seewald, der die Fresken, die jetzt dort zu sehen sind, geschaffen hat. Sapountzis setzt – so ließe sich vor dem Hintergrund seiner Methodik sagen – die Reihe künstlerischer Neuinterpretationen dieser Landschaften in die Gegenwart fort. Indem er mit großer Beharrlichkeit auch die gegenwärtige Version dieser Landschaftsdarstellungen berücksichtigt, stellt er der einseitigen akademischen Fixierung auf die Rottmann-Originale eine neue, frische Sichtweise gegenüber. Gerade weil er Seewalds Fassung in seinen eigenen Werken fortführt, distanziert er sich von der bisher gängigen Rezeption, wodurch ihm eine interessante Neubewertung gelingt: Die Geschichtslastigkeit verschiebt sich zugunsten einer beiläufigen Ästhetik.
Die Neuinterpretation dieser Landschaften bildet den Ausgangspunkt für neue Werke, die Sapountzis als „Abschlussarbeiten“ bezeichnet. Durch diesen Prozess und die von ihm verwendeten Materialien – aufgespannte bunte Stoffe, schlauchförmige Metallstäbe und Videodokumentationen – findet zugleich eine ironische und indirekte Auseinandersetzung mit seiner ursprünglichen Heimat, seinem Geburtsort Griechenland, statt, die auf dem fremden, nicht dem eigenen Blick basiert.
Yorgos Sapountzis (geboren 1976 in Athen, Griechenland), lebt und arbeitet in Berlin. 1998-2002 Bühnenbildner und Regieassistent am Diplous Eros Theater, Athen; 2012 Villa Romana-Preis, Florenz; 2013/2014 kunstzeitraum Stipendium, München.
Einzelausstellungen (Auswahl): Kunsthaus Glarus, Glarus 2013; Kunsthalle Lingen, Lingen, 2013; Arnolfini Gallery, Bristol, 2013; Overgaden, Copenhagen, 2012; Westfälischer Kunstverein, Münster, 2012; Ursula Blickle Stiftung, Kraichtal, 2012; Museo de Arte Contemporáneo de Castilla y León, Leon, Spanien, 2010. Gruppennausstellungen (Auswahl): The Kitchen, New York, 2014; Kunsthaus Bregenz (kuratiert von Yilmaz Dziewor), 2013; 12. Triennale Kleinplastik Fellbach, 2013; Centre Pompidou, Paris, 2013; Lismore Castle Arts, Lismore, 2013; Bonner Kunstverein, Bonn, 2012; Louisiana Museum, Humlebæk, 2012; Kunstraum Innsbruck, Innsbruck, 2011.

Öffnungszeiten:
Di-Fr 11.00-18.30 Uhr
Sa 11.00-16.00 Uhr