Hessisches Landestheater Marburg - Theater am Schwanhof
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Am Schwanhof 68-72
35037 Marburg
Tel.: 06421 25 608
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Die Ballade vom Nadelbaumkiller

Rebekka Kricheldorf
Galeria Classica
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	Eine Zeit/Die so tut/Als böte sie alles/Aber in Wirklichkeit/Überhaupt nichts bietet: Rebekka Kricheldorfs Stück aus dem Jahr 2004 ist eine leidenschaftliche Ballade über lächerliche Helden im Nichts - die ›Generation Angst‹, frei schwebend in einer Welt, die übervoll ist und sich vielleicht gerade deshalb so unglaublich leer anfühlt.<br />
	Jan Mao hat keine Lust. Keine Lust darauf, die Firma seines altlinken und neureichen Vaters Franz zu übernehmen, keine Lust auf einen Job, eigentlich keine Lust auf irgendetwas. Warum auch? Da vertreibt er sich die Zeit doch lieber damit, seine Verführungskünste an allen Frauen zu erproben, derer er habhaft werden kann, in der klammheimlichen Hoffnung, dass er dafür irgendwann einmal zum Duell auf Leben und Tod gefordert wird. Dann wäre wenigstens mal was los. Unter all den flüchtigen Affären und One-Night-Stands findet sich auch Anna, eine engagierte junge Ich-AG mit dem Punkt-für-Punkt-Lebensplan für Karriere, Partnerschaft und Familie in der Tasche. Anna ist zielstrebig, erfolgsorientiert und hat definitiv keine Zeit für irgendwelche unnötigen Experimente, was ihre Mutter Elvira fast in den Wahnsinn treibt. Denn als Elvira jung war, bestand Jugend aus Versuch, Exzess, Rebellion und Utopie. Aber machen wir uns nichts vor: Die beste aller möglichen Welten ist angebrochen und Jan und Anna sind zwei Lebensmodelle der Generation, der von ›Praktikum‹ über ›Facebook‹ und ›Sorgenlos‹ bis zu ›Maybe‹ schon ein ganzes Arsenal von Ausdrucken und Eigenschaften angeheftet und angedichtet wurde – inklusive der Eigenschaft, keine Eigenschaften zu haben. ›Generation Angst‹ nennt der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer in seinem 2009 erschienenen Buch „Ein Land – drei Generationen. Psychogramm der Bundesrepublik“ jene, die nach der Kriegsgeneration und den 68ern den dritten großen Abschnitt in der Geschichte der BRD prägen. Es sind Menschen, aufgewachsen in einer Gesellschaft, die so kompliziert geworden zu sein scheint, dass sich mit den Freiheiten auch die Ängste vervielfacht haben. Heute hat jeder so viele untereinander konkurrierende Optionen, sich selbst zur Geltung zu bringen, dass man schlicht den Überblick verliert. Die Masse der zur Wahl stehenden Entscheidungsmöglichkeiten provoziert jene Unsicherheit, die jeden Standpunkt, den man einnehmen konnte, sofort relativiert sieht. Man wächst in einer Welt heran, in der der Kapitalismus sich schon behauptet hat, der gezeigt hat, dass er jede alternative Lebensform, jeden aggressiven Angriff nicht nur abwehren, sondern sich gleichsam einverleiben und verwerten kann: Die Kampfe sind ausgefochten, also spiel’ mit oder bleib’ eben im Bett.<br />
	Rebekka Kricheldorfs Stück, das sich in stilisierter Verssprache am Don-Giovanni-Stoff entlang entwickelt, liefert eine pointierte und humorvolle Diagnose der herrschenden Verständnislosigkeit zwischen denen, die mit dem Kopf durch die Wand wollten, und denen, die keine Wände mehr vorfinden, an denen sie sich eine ordentliche charakterbildende Platzwunde zuziehen könnten. Paradoxerweise erscheint hier gerade die radikale, nüchterne oder verzweifelte Angstfreiheit des ›Alles egal‹ als Symptom der Angst. Und so sieht man in Jan Mao einerseits den verspäteten ›rebel without a cause‹ der 2000er Jahre, andererseits den Desperado auf der Suche nach Widerständen, an denen man die Relevanz der eigenen Existenz beweisen könnte: Ich will wahren Hass/Der sich ganz auf mich richtet/Ich will sehen/Dass ich etwas bewirke/In einem Körper oder Kopf.</p>

Eine Zeit/Die so tut/Als böte sie alles/Aber in Wirklichkeit/Überhaupt nichts bietet: Rebekka Kricheldorfs Stück aus dem Jahr 2004 ist eine leidenschaftliche Ballade über lächerliche Helden im Nichts - die ›Generation Angst‹, frei schwebend in einer Welt, die übervoll ist und sich vielleicht gerade deshalb so unglaublich leer anfühlt.
Jan Mao hat keine Lust. Keine Lust darauf, die Firma seines altlinken und neureichen Vaters Franz zu übernehmen, keine Lust auf einen Job, eigentlich keine Lust auf irgendetwas. Warum auch? Da vertreibt er sich die Zeit doch lieber damit, seine Verführungskünste an allen Frauen zu erproben, derer er habhaft werden kann, in der klammheimlichen Hoffnung, dass er dafür irgendwann einmal zum Duell auf Leben und Tod gefordert wird. Dann wäre wenigstens mal was los. Unter all den flüchtigen Affären und One-Night-Stands findet sich auch Anna, eine engagierte junge Ich-AG mit dem Punkt-für-Punkt-Lebensplan für Karriere, Partnerschaft und Familie in der Tasche. Anna ist zielstrebig, erfolgsorientiert und hat definitiv keine Zeit für irgendwelche unnötigen Experimente, was ihre Mutter Elvira fast in den Wahnsinn treibt. Denn als Elvira jung war, bestand Jugend aus Versuch, Exzess, Rebellion und Utopie. Aber machen wir uns nichts vor: Die beste aller möglichen Welten ist angebrochen und Jan und Anna sind zwei Lebensmodelle der Generation, der von ›Praktikum‹ über ›Facebook‹ und ›Sorgenlos‹ bis zu ›Maybe‹ schon ein ganzes Arsenal von Ausdrucken und Eigenschaften angeheftet und angedichtet wurde – inklusive der Eigenschaft, keine Eigenschaften zu haben. ›Generation Angst‹ nennt der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer in seinem 2009 erschienenen Buch „Ein Land – drei Generationen. Psychogramm der Bundesrepublik“ jene, die nach der Kriegsgeneration und den 68ern den dritten großen Abschnitt in der Geschichte der BRD prägen. Es sind Menschen, aufgewachsen in einer Gesellschaft, die so kompliziert geworden zu sein scheint, dass sich mit den Freiheiten auch die Ängste vervielfacht haben. Heute hat jeder so viele untereinander konkurrierende Optionen, sich selbst zur Geltung zu bringen, dass man schlicht den Überblick verliert. Die Masse der zur Wahl stehenden Entscheidungsmöglichkeiten provoziert jene Unsicherheit, die jeden Standpunkt, den man einnehmen konnte, sofort relativiert sieht. Man wächst in einer Welt heran, in der der Kapitalismus sich schon behauptet hat, der gezeigt hat, dass er jede alternative Lebensform, jeden aggressiven Angriff nicht nur abwehren, sondern sich gleichsam einverleiben und verwerten kann: Die Kampfe sind ausgefochten, also spiel’ mit oder bleib’ eben im Bett.
Rebekka Kricheldorfs Stück, das sich in stilisierter Verssprache am Don-Giovanni-Stoff entlang entwickelt, liefert eine pointierte und humorvolle Diagnose der herrschenden Verständnislosigkeit zwischen denen, die mit dem Kopf durch die Wand wollten, und denen, die keine Wände mehr vorfinden, an denen sie sich eine ordentliche charakterbildende Platzwunde zuziehen könnten. Paradoxerweise erscheint hier gerade die radikale, nüchterne oder verzweifelte Angstfreiheit des ›Alles egal‹ als Symptom der Angst. Und so sieht man in Jan Mao einerseits den verspäteten ›rebel without a cause‹ der 2000er Jahre, andererseits den Desperado auf der Suche nach Widerständen, an denen man die Relevanz der eigenen Existenz beweisen könnte: Ich will wahren Hass/Der sich ganz auf mich richtet/Ich will sehen/Dass ich etwas bewirke/In einem Körper oder Kopf.


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Eine Zeit/Die so tut/Als böte sie alles/Aber in Wirklichkeit/Überhaupt nichts bietet: Rebekka Kricheldorfs Stück aus dem Jahr 2004 ist eine leidenschaftliche Ballade über lächerliche Helden im Nichts - die ›Generation Angst‹, frei schwebend in einer Welt, die übervoll ist und sich vielleicht gerade deshalb so unglaublich leer anfühlt.

Jan Mao hat keine Lust. Keine Lust darauf, die Firma seines altlinken und neureichen Vaters Franz zu übernehmen, keine Lust auf einen Job, eigentlich keine Lust auf irgendetwas. Warum auch? Da vertreibt er sich die Zeit doch lieber damit, seine Verführungskünste an allen Frauen zu erproben, derer er habhaft werden kann, in der klammheimlichen Hoffnung, dass er dafür irgendwann einmal zum Duell auf Leben und Tod gefordert wird. Dann wäre wenigstens mal was los. Unter all den flüchtigen Affären und One-Night-Stands findet sich auch Anna, eine engagierte junge Ich-AG mit dem Punkt-für-Punkt-Lebensplan für Karriere, Partnerschaft und Familie in der Tasche. Anna ist zielstrebig, erfolgsorientiert und hat definitiv keine Zeit für irgendwelche unnötigen Experimente, was ihre Mutter Elvira fast in den Wahnsinn treibt. Denn als Elvira jung war, bestand Jugend aus Versuch, Exzess, Rebellion und Utopie. Aber machen wir uns nichts vor: Die beste aller möglichen Welten ist angebrochen und Jan und Anna sind zwei Lebensmodelle der Generation, der von ›Praktikum‹ über ›Facebook‹ und ›Sorgenlos‹ bis zu ›Maybe‹ schon ein ganzes Arsenal von Ausdrucken und Eigenschaften angeheftet und angedichtet wurde – inklusive der Eigenschaft, keine Eigenschaften zu haben. ›Generation Angst‹ nennt der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer in seinem 2009 erschienenen Buch „Ein Land – drei Generationen. Psychogramm der Bundesrepublik“ jene, die nach der Kriegsgeneration und den 68ern den dritten großen Abschnitt in der Geschichte der BRD prägen. Es sind Menschen, aufgewachsen in einer Gesellschaft, die so kompliziert geworden zu sein scheint, dass sich mit den Freiheiten auch die Ängste vervielfacht haben. Heute hat jeder so viele untereinander konkurrierende Optionen, sich selbst zur Geltung zu bringen, dass man schlicht den Überblick verliert. Die Masse der zur Wahl stehenden Entscheidungsmöglichkeiten provoziert jene Unsicherheit, die jeden Standpunkt, den man einnehmen konnte, sofort relativiert sieht. Man wächst in einer Welt heran, in der der Kapitalismus sich schon behauptet hat, der gezeigt hat, dass er jede alternative Lebensform, jeden aggressiven Angriff nicht nur abwehren, sondern sich gleichsam einverleiben und verwerten kann: Die Kampfe sind ausgefochten, also spiel’ mit oder bleib’ eben im Bett.

Rebekka Kricheldorfs Stück, das sich in stilisierter Verssprache am Don-Giovanni-Stoff entlang entwickelt, liefert eine pointierte und humorvolle Diagnose der herrschenden Verständnislosigkeit zwischen denen, die mit dem Kopf durch die Wand wollten, und denen, die keine Wände mehr vorfinden, an denen sie sich eine ordentliche charakterbildende Platzwunde zuziehen könnten. Paradoxerweise erscheint hier gerade die radikale, nüchterne oder verzweifelte Angstfreiheit des ›Alles egal‹ als Symptom der Angst. Und so sieht man in Jan Mao einerseits den verspäteten ›rebel without a cause‹ der 2000er Jahre, andererseits den Desperado auf der Suche nach Widerständen, an denen man die Relevanz der eigenen Existenz beweisen könnte: Ich will wahren Hass/Der sich ganz auf mich richtet/Ich will sehen/Dass ich etwas bewirke/In einem Körper oder Kopf.


Besetzung
Regie: Dominique Schnizer
Bühne: Christin Treunert
Kostüme: Christin Treunert