Hessisches Landestheater Marburg - Theater am Schwanhof
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Angst essen Seele auf

Rainer Werner Fassbinder
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	Ich hab gesagt, daß wir heiraten werden, du und ich. Eigentlich ein Anlass zur Freude, wie Emmi findet. Doch sie bricht ein Tabu. Denn Ali ist halb so alt wie sie und kein Deutscher. Dieser scheinbar unmöglichen Liebe setzt Fassbinder das Zerrbild einer von Vorurteilen und Angstreaktionen entstellten Welt entlarvend entgegen.<br />
	Vom Regen überrascht, sucht Emmi in einer nahegelegenen Kneipe Zuflucht. Nur wenige Besucher, einige Gastarbeiter unter ihnen, haben es sich gemeinsam an der Bar gemütlich gemacht. Plötzlich tritt einer der Männer an ihren Tisch und fordert Emmi zum Tanzen auf. Später, da hat der Regen längst nachgelassen, begleitet sie Salem, den alle nur Ali nennen, nach Hause. Sie trinken Kaffee und reden. Er bleibt über Nacht.<br />
	Ein einziger Wolkenbruch führt zwei Menschen zusammen, die einander aufrichtig begegnen. Aber eine Geschichte Rainer Werner Fassbinders kommt für gewöhnlich nicht ohne Fallstrick aus. Ali ist in den Augen der anderen ein Fremder: Deutsche Herr, Arabisch Hund, so bringt er seine Erfahrungen auf den Punkt. Und er ist fast dreißig Jahre junger als Emmi. Gründe genug also, wie Emmis Kinder, die Kollegen und ihre Nachbarn beschließen, über diese Beziehung ein missbilligendes Urteil zu sprechen. Die sind ja bloß neidisch, sagt Emmi immer wieder; sich selbst und auch Ali. Doch es fällt schwer, sich gegen eine Mitwelt zu behaupten, die mitnichten anerkennt, dass beide einander geben können, was kaum der Worte bedarf: Liebe. 1974 erschienen, zahlt der Film „Angst essen Seele auf“ bis heute zu den erfolgreichsten Werken des Regisseurs und wurde noch im selben Jahr in Cannes ausgezeichnet. Die Kritiker indes blieben sich uneinig, ob es sich, laut Filmbewertungsstelle, lediglich um ein naives Sozialdrama handle, welches der Komplexität der sozialen Realität nicht gerecht werde, oder, wie das Lexikon des Internationalen Films urteilt, um ein Melodram, das mit kühler Brillanz die Missachtung von Minderheiten und die Mechanismen sozialer Unterdrückung analysiert. Dass letzteres Geltung beanspruchen kann, wird am Beispiel der historisch gewachsenen, kanonisierten Berührungsangst deutlich, die Fassbinder in ihrer Wirkmächtigkeit darstellt. Die Angst vor dem als kategorisch (wesens-)fremd Definierten, das entschieden auf Distanz gehalten wird, weil es sich nicht in das geläufige Bild einpassen will. Das Unbenannte, das sich einer verbindlichen Begrifflichkeit widersetzt und die Gesetzmäßigkeiten der sozialen Wirklichkeit auf ihren Realitätsgehalt und ihre Unanfechtbarkeit hin befragt. Doch belässt es Fassbinder nicht dabei, seine kritische Analyse auf die Lebensumstände und das soziale und kulturelle Kapital seiner Protagonisten zu reduzieren und diese ihnen anhand stereotyper Eigenschaften und Milieuzuschreibungen lediglich schemenhaft überzustreifen. Zentraler Schauplatz der Handlungsebene ist die Sprache, wie in zahlreichen anderen Werken auch. Geprägt von stringenter Einfachheit und konkreten Auslassungen heben die Dialoge auf genuin sozialisierte Ressentiments ab, auf das Gewaltpotenzial eines einzelnen Sprechaktes wie auch seines Pendants, des Schweigens. Vergleichsweise ungewöhnlich für den Verfasser lässt sich „Angst essen Seele auf“ sozialgeschichtlich als versuchsweise Skizze einer konkreten Utopie verstehen. Doch Fassbinders Augenmerk gilt nicht dem ungebrochenen Idealismus, nicht der revolutionären Geste. Seine Versuchsanordnung lässt bereits ahnen, dass die Liebe von Emmi und Ali aus dem Gleichgewicht geraten könnte, wenn der äußere Druck nachlässt und beide ihrer Rechtfertigungshaltung gegenüber der Umwelt entbindet. So macht Fassbinder am Beispiel unterschiedlicher Lebensgewohnheiten und -entwürfe von Beginn an Auslöser kenntlich, die Zweifel und Konflikte verursachen können. Vielleicht dürfen sich beide nur für den Moment in Sicherheit wähnen, als sie sich zum Auftakt des ersten Tanzes einander vorbehaltlos zuwenden.</p>

Ich hab gesagt, daß wir heiraten werden, du und ich. Eigentlich ein Anlass zur Freude, wie Emmi findet. Doch sie bricht ein Tabu. Denn Ali ist halb so alt wie sie und kein Deutscher. Dieser scheinbar unmöglichen Liebe setzt Fassbinder das Zerrbild einer von Vorurteilen und Angstreaktionen entstellten Welt entlarvend entgegen.
Vom Regen überrascht, sucht Emmi in einer nahegelegenen Kneipe Zuflucht. Nur wenige Besucher, einige Gastarbeiter unter ihnen, haben es sich gemeinsam an der Bar gemütlich gemacht. Plötzlich tritt einer der Männer an ihren Tisch und fordert Emmi zum Tanzen auf. Später, da hat der Regen längst nachgelassen, begleitet sie Salem, den alle nur Ali nennen, nach Hause. Sie trinken Kaffee und reden. Er bleibt über Nacht.
Ein einziger Wolkenbruch führt zwei Menschen zusammen, die einander aufrichtig begegnen. Aber eine Geschichte Rainer Werner Fassbinders kommt für gewöhnlich nicht ohne Fallstrick aus. Ali ist in den Augen der anderen ein Fremder: Deutsche Herr, Arabisch Hund, so bringt er seine Erfahrungen auf den Punkt. Und er ist fast dreißig Jahre junger als Emmi. Gründe genug also, wie Emmis Kinder, die Kollegen und ihre Nachbarn beschließen, über diese Beziehung ein missbilligendes Urteil zu sprechen. Die sind ja bloß neidisch, sagt Emmi immer wieder; sich selbst und auch Ali. Doch es fällt schwer, sich gegen eine Mitwelt zu behaupten, die mitnichten anerkennt, dass beide einander geben können, was kaum der Worte bedarf: Liebe. 1974 erschienen, zahlt der Film „Angst essen Seele auf“ bis heute zu den erfolgreichsten Werken des Regisseurs und wurde noch im selben Jahr in Cannes ausgezeichnet. Die Kritiker indes blieben sich uneinig, ob es sich, laut Filmbewertungsstelle, lediglich um ein naives Sozialdrama handle, welches der Komplexität der sozialen Realität nicht gerecht werde, oder, wie das Lexikon des Internationalen Films urteilt, um ein Melodram, das mit kühler Brillanz die Missachtung von Minderheiten und die Mechanismen sozialer Unterdrückung analysiert. Dass letzteres Geltung beanspruchen kann, wird am Beispiel der historisch gewachsenen, kanonisierten Berührungsangst deutlich, die Fassbinder in ihrer Wirkmächtigkeit darstellt. Die Angst vor dem als kategorisch (wesens-)fremd Definierten, das entschieden auf Distanz gehalten wird, weil es sich nicht in das geläufige Bild einpassen will. Das Unbenannte, das sich einer verbindlichen Begrifflichkeit widersetzt und die Gesetzmäßigkeiten der sozialen Wirklichkeit auf ihren Realitätsgehalt und ihre Unanfechtbarkeit hin befragt. Doch belässt es Fassbinder nicht dabei, seine kritische Analyse auf die Lebensumstände und das soziale und kulturelle Kapital seiner Protagonisten zu reduzieren und diese ihnen anhand stereotyper Eigenschaften und Milieuzuschreibungen lediglich schemenhaft überzustreifen. Zentraler Schauplatz der Handlungsebene ist die Sprache, wie in zahlreichen anderen Werken auch. Geprägt von stringenter Einfachheit und konkreten Auslassungen heben die Dialoge auf genuin sozialisierte Ressentiments ab, auf das Gewaltpotenzial eines einzelnen Sprechaktes wie auch seines Pendants, des Schweigens. Vergleichsweise ungewöhnlich für den Verfasser lässt sich „Angst essen Seele auf“ sozialgeschichtlich als versuchsweise Skizze einer konkreten Utopie verstehen. Doch Fassbinders Augenmerk gilt nicht dem ungebrochenen Idealismus, nicht der revolutionären Geste. Seine Versuchsanordnung lässt bereits ahnen, dass die Liebe von Emmi und Ali aus dem Gleichgewicht geraten könnte, wenn der äußere Druck nachlässt und beide ihrer Rechtfertigungshaltung gegenüber der Umwelt entbindet. So macht Fassbinder am Beispiel unterschiedlicher Lebensgewohnheiten und -entwürfe von Beginn an Auslöser kenntlich, die Zweifel und Konflikte verursachen können. Vielleicht dürfen sich beide nur für den Moment in Sicherheit wähnen, als sie sich zum Auftakt des ersten Tanzes einander vorbehaltlos zuwenden.


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Ich hab gesagt, daß wir heiraten werden, du und ich. Eigentlich ein Anlass zur Freude, wie Emmi findet. Doch sie bricht ein Tabu. Denn Ali ist halb so alt wie sie und kein Deutscher. Dieser scheinbar unmöglichen Liebe setzt Fassbinder das Zerrbild einer von Vorurteilen und Angstreaktionen entstellten Welt entlarvend entgegen.

Vom Regen überrascht, sucht Emmi in einer nahegelegenen Kneipe Zuflucht. Nur wenige Besucher, einige Gastarbeiter unter ihnen, haben es sich gemeinsam an der Bar gemütlich gemacht. Plötzlich tritt einer der Männer an ihren Tisch und fordert Emmi zum Tanzen auf. Später, da hat der Regen längst nachgelassen, begleitet sie Salem, den alle nur Ali nennen, nach Hause. Sie trinken Kaffee und reden. Er bleibt über Nacht.

Ein einziger Wolkenbruch führt zwei Menschen zusammen, die einander aufrichtig begegnen. Aber eine Geschichte Rainer Werner Fassbinders kommt für gewöhnlich nicht ohne Fallstrick aus. Ali ist in den Augen der anderen ein Fremder: Deutsche Herr, Arabisch Hund, so bringt er seine Erfahrungen auf den Punkt. Und er ist fast dreißig Jahre junger als Emmi. Gründe genug also, wie Emmis Kinder, die Kollegen und ihre Nachbarn beschließen, über diese Beziehung ein missbilligendes Urteil zu sprechen. Die sind ja bloß neidisch, sagt Emmi immer wieder; sich selbst und auch Ali. Doch es fällt schwer, sich gegen eine Mitwelt zu behaupten, die mitnichten anerkennt, dass beide einander geben können, was kaum der Worte bedarf: Liebe. 1974 erschienen, zahlt der Film „Angst essen Seele auf“ bis heute zu den erfolgreichsten Werken des Regisseurs und wurde noch im selben Jahr in Cannes ausgezeichnet. Die Kritiker indes blieben sich uneinig, ob es sich, laut Filmbewertungsstelle, lediglich um ein naives Sozialdrama handle, welches der Komplexität der sozialen Realität nicht gerecht werde, oder, wie das Lexikon des Internationalen Films urteilt, um ein Melodram, das mit kühler Brillanz die Missachtung von Minderheiten und die Mechanismen sozialer Unterdrückung analysiert. Dass letzteres Geltung beanspruchen kann, wird am Beispiel der historisch gewachsenen, kanonisierten Berührungsangst deutlich, die Fassbinder in ihrer Wirkmächtigkeit darstellt. Die Angst vor dem als kategorisch (wesens-)fremd Definierten, das entschieden auf Distanz gehalten wird, weil es sich nicht in das geläufige Bild einpassen will. Das Unbenannte, das sich einer verbindlichen Begrifflichkeit widersetzt und die Gesetzmäßigkeiten der sozialen Wirklichkeit auf ihren Realitätsgehalt und ihre Unanfechtbarkeit hin befragt. Doch belässt es Fassbinder nicht dabei, seine kritische Analyse auf die Lebensumstände und das soziale und kulturelle Kapital seiner Protagonisten zu reduzieren und diese ihnen anhand stereotyper Eigenschaften und Milieuzuschreibungen lediglich schemenhaft überzustreifen. Zentraler Schauplatz der Handlungsebene ist die Sprache, wie in zahlreichen anderen Werken auch. Geprägt von stringenter Einfachheit und konkreten Auslassungen heben die Dialoge auf genuin sozialisierte Ressentiments ab, auf das Gewaltpotenzial eines einzelnen Sprechaktes wie auch seines Pendants, des Schweigens. Vergleichsweise ungewöhnlich für den Verfasser lässt sich „Angst essen Seele auf“ sozialgeschichtlich als versuchsweise Skizze einer konkreten Utopie verstehen. Doch Fassbinders Augenmerk gilt nicht dem ungebrochenen Idealismus, nicht der revolutionären Geste. Seine Versuchsanordnung lässt bereits ahnen, dass die Liebe von Emmi und Ali aus dem Gleichgewicht geraten könnte, wenn der äußere Druck nachlässt und beide ihrer Rechtfertigungshaltung gegenüber der Umwelt entbindet. So macht Fassbinder am Beispiel unterschiedlicher Lebensgewohnheiten und -entwürfe von Beginn an Auslöser kenntlich, die Zweifel und Konflikte verursachen können. Vielleicht dürfen sich beide nur für den Moment in Sicherheit wähnen, als sie sich zum Auftakt des ersten Tanzes einander vorbehaltlos zuwenden.


Besetzung
Regie: Fanny Brunner
Bühne: Daniel Angermayr
Kostüme: Daniel Angermayr